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Warum Geld allein Karstadt nicht rettet

„Gut, dass der Bund Karstadt gerettet hat. Dann können wir nach dem Lockdown endlich wieder alle gemeinsam nicht dorthin gehen.“ Mit einem bissigen Tweet hat Moderator und Autor Micky Beisenherz das 460 Mio. Euro starke Darlehen kommentiert, mit dem der Bund der finanziell mehr als angeschlagenen Galeria Karstadt Kaufhof unter die Arme greift. Wieder einmal, schließlich steht das Unternehmen – nach diversen Verkäufen, der Insolvenz, Schließungen mehrerer Häuser – durch den unverschuldeten Lockdown erneut in einem tiefen Tal. Daher haben wir analysiert, was Karstadt im Gegensatz zu anderen Vollsortimentlern und Modeunternehmen falsch macht. Online sind wir fündig geworden.

Galeria Karstadt Kaufhof: On- und offline abgehängt?

Karstadt sei wichtig für die Innenstadt, sagen die einen: Meist gut angebunden, locke das Warenhaus Kundschaft in die Stadt, die anschließend ein Eis beim Italiener nebenan schlecken und mit geballter Kaufkraft durch die Straßen bummeln würde. Ein Kaufhaus als Startpunkt für die Shopping-Tour. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, und stimme da sicherlich mit den anderen überein: Karstadt ist wichtig für die Innenstadt. Als Treffpunkt für den Stadtbummel – drin war ich allerdings seit Jahren nicht mehr.

Und wie sieht’s mit dem Online-Geschäft aus? Zwar beteuert der Konzern, vor allem die hohen – und in vielen Städten bereits verringerten – Mieten der Warenhäuser seien der Grund für die erneute Fast-Pleite. Doch auch online shoppen wir eher bei vergleichbaren Anbietern wie OTTO, Zalando, mytoys.de und About You, oder? Diesem Gefühl bin ich in den Bereichen Suchmaschinenoptimierung (SEO) via SISTRIX, Social Media via Fanpage Karma und technisch via Google Page Speed auf den Grund gegangen. Aus den Top 100-umsatzstärksten Shops habe ich für eine Top 10 neun Unternehmen für den Vergleich herangezogen, die wie die Galeria als Generalist, im Bereich Spielzeugwaren oder Bekleidung unterwegs sind.¹

Galeria Karstadt Kaufhof: Im Web leicht zu übersehen

Wenn ich ein Produkt suche, starte ich meist auf Google, um den günstigsten Anbieter zu finden. Eine hohe Sichtbarkeit bei Google, die u.a. mit einer suchmaschinenoptimierten Website erzielt wird, ist hierbei von größter Bedeutung. Wer nicht in den SERPs auftaucht, ist nicht auf meinem Radar.

Bei der Suche nach einem Trikot von Borussia Dortmund taucht die Galeria nicht auf – obwohl die Karstadt Sport-Filialen auf Artikel aus dem Segment spezialisiert sind. Ähnlich verhält es sich mit weiterer Sport-Bekleidung: In der Suche tauchen die Seiten der Hersteller selbst auf oder die direkte Konkurrenz Intersport und SportScheck.

Der SISTRIX-Index weist die Sichtbarkeit einer Seite auf Google aus. Zahlreiche Suchanfragen („t-shirt frauen v-ausschnitt“, „damenschuhe rot“, „jeans herren“) bestätigen das Top 10-Ranking, das ich anhand der ausgewählten Unternehmen via SISTRIX erstellt habe: OTTO und Zalando landen regelmäßig in den Suchergebnissen ganz oben und selbst von der attraktivsten Darstellung auf Google, den Shopping-Ergebnissen, macht die Galeria keinen Gebrauch.

Im Gegenteil: Galeria Karstadt Kaufhof landet auf einem schwachen 8. Platz hinter einer weitaus weniger bekannten Marke wie Baur. Im Gegensatz zum Stadtbild ist Galeria Karstadt Kaufhof im Web leicht zu übersehen.

Top-10 Ranking Sichtbarkeit: galeria.de nur auf Platz 8

Top-10 Rankings nach Sichtbarkeit
otto.de ist am sichtbarsten. Das Top-10 Ranking wurde ermittelt mit dem Tool SISTRIX.
Tabelle: web-netz

Dabei sind gezielte SEO-Maßnahmen ein höchst effektives Mittel, die eigene Website sichtbar zu machen:

  • Suchmaschinenoptimierte Kategorie- und Produkttexte,
  • ein Blog im Shop, in dem Artikel zu einem Thema empfohlen werden,
  • eine klare Strukturierung der Seiten etc.

Das Geld wär ja da …

Beim Bildernetzwerk Instagram hinkt die Galeria hinterher

Da Instagram mit Shops, bezahlten Partnerschaften und Produkt-Markierungen eine tolle Bandbreite für Händler anbietet, habe ich mein Hauptaugenmerk im Bereich Social Media auf das Bildernetzwerk gelegt. Dass die Galeria an weltweit tätige Unternehmen wie H&M oder europaweit versendende Shops wie Zalando in puncto Followerzahlen nicht herankommt – geschenkt. Dass aber bei einem lobenswerten Post-Aufwand von einem Post am Tag (Zeitraum: Januar 2021) keine höhere Platzierung als der 8. Platz herausspringt, ist schon enttäuschend. Nur Zalando und ABOUT YOU hatten eine höhere Post-Frequenz.

Im Vergleich zu anderen Anbietern unterscheidet sich das Bildmaterial in den Posts nicht außerordentlich. Allerdings haben bonprix oder About You längst alle Instagram-Features für sich entdeckt und eingenommen:

Nutzer werden regelmäßig auf neue Art und Weise inspiriert und informiert – und langen letztlich im Online-Shop zu.

Auf dem Galeria Instagram Account werden Produkte markiert, sodass sie im eingebundenen Shop gekauft werden können. Wirklich aufmerksamkeitserregender Content fehlt dem Instagram Account.

So werden potenzielle Kunden mit dem Mantelbild recht allein gelassen, ein wirkliches Lebensgefühl und „haben-wollen“ entsteht nicht.

Top-10 Ranking Instagram: H&M auf 1, Galeria Karstadt Kaufhof auf Platz 8

Am meisten Follower bei Instagram hat H&M: über 36 Mio. Galeria Karstadt Kaufhof landet mit 70.657 Followern und einer Post-Frequenz von einem Post pro Tag auf Platz 8. Die Werte wurden mit Fanpage Karma ermittelt, Zeitraum: Januar 2021. Tabelle: web-netz

Warum Usain Bolt nicht auf die Galeria-Website surft

Wenn eine Seite langsam lädt, hat sie mich verloren. Denn nichts ist nerviger – ok, doch: Cookie-Banner, Seitenbenachrichtigungen, Newsletter abonnieren? – als nicht ans Ziel zu kommen. Dann kauf ich das Produkt halt woanders. Gemessen wurden die Daten mit den von Google zur Verfügung gestellten Page Speed Insights. Schnell wird deutlich, dass sich die Galeria auch beim Thema Page Speed im Schneckentempo bewegt.

Es ist schon beachtlich, dass auch große Online-Shops dem Thema vor allem mobil nicht den größten Wert beizumessen scheinen. Mit myToys steht ein Spielwarenhändler an der Spitze des Rankings. Doch selbst Otto hat an dieser Stelle Nachholbedarf. Während die Galeria am Desktop einen Platz im Mittelfeld belegt, sind 11,8 Sekunden bis zum vollständigen Laden der Startseite auf dem Smartphone eine unfassbar lange Zeit. Um es zu verbildlichen: Usain Bolts Weltrekord im 100m-Lauf liegt bei 9,58 Sekunden. Hätte er direkt nach seinem Lauf eine Schatulle für seine Medaille shoppen wollen, wäre die Startseite der Galeria noch nicht mal geladen gewesen.

Die Seitengeschwindigkeit ist für Google ein wichtiger Ranking-Faktor. Unter der Berücksichtigung, dass Google künftig Mobile First“ bevorzugt, also qualitativ gute mobile Seiten höher ranken, sollte die Galeria das Thema Page Speed unbedingt angehen. Ansonsten droht ein weiterer Verlust der Sichtbarkeit.

Es gibt viele Stellschrauben für die Seitenladegeschwindigkeit:

  • Muss mobil dieselbe Seite wie am Desktop zur Verfügung stehen oder kann diese um einige Menüpunkte verschlankt werden?
  • In welchen Formaten und Größen sind die Bilder hochgeladen?
  • Werden nicht genutzte Skripte mitgeladen?

Bei der Galeria sollte Bewegung in dieses Thema kommen.

Top-10 Ranking Page Speed mobil

Top-10 Rankings nach PageSpeed mobil
Daten ermittelt mit den von Google zur Verfügung gestellten Page Speed Insights.
Tabelle: web-netz

Schneckentempo: Lange 11,8 Sekunden vergehen bis die Startseite von Galeria Karstadt Kaufhof auf dem Smartphone komplett geladen ist und damit kriecht galeria.de auch hier auf Platz 8. Bei myToys, Platz 1, dauert es nur 1,2 Sekunden. Die Daten wurden mit den von Google zur Verfügung gestellten Page Speed Insights ermittelt.

Top-10 Ranking Page Speed Desktop

Top-10 Rankings PageSpeed Desktop
Die Daten wurden mit den Page Speed Insights von Google ermittelt. Tabelle: web-netz

Mit dem Desktop PC dauert es 2,7 Sekunden bis die Startseite von Galeria Karstadt Kaufhof vollständig geladen ist, damit landet galeria.de auf Platz 6. Bei Zalando, auf Platz 1, dauert es nur 1,4 Sekunden.

Fazit

Natürlich, auf der einen Seite steht bei jeder Rettung der Erhalt von Arbeitsplätzen. Auf der anderen Seite muss aber genauso die Frage erlaubt sein:

Wieso hat es die Galeria Karstadt Kaufhof trotz millionenschwerer Investitionen bisher nicht geschafft, in eine digitale Infrastruktur zu investieren?

Die Galeria erreicht ihre potenziellen Kunden weder über die Google-Suche und Instagram, noch kann sie mit Nutzerfreundlichkeit der eigenen Website punkten. Und dabei habe ich mich nicht einmal mit Themen beschäftigt, die für Kunden auf den ersten Blick dringlich erscheinen, wie Produktseitenaufbau, Versandkosten, Lieferung und Kundenservice.

Denn bei der Galeria Karstadt Kaufhof stimmen bereits die Basics nicht:

  1. Die Seite rankt schlecht.
  2. Der Instagram-Kanal macht keine Lust aufs Shoppen.
  3. Die Website lädt irrsinnig langsam.

Und da muss die Frage erlaubt sein: Was geschieht mit den 460 Mio. Euro? Der Konzern könnte es in die Digitalisierung stecken. Der Bund hingegen könnte zukunftsträchtige Unternehmen fördern, die bereits online denken – und diese nicht als Feind der Innenstadt wahrnehmen.

Jens


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Quellen:

[1] https://www.ehi.org/de/top-100-umsatzstaerkste-onlineshops-in-deutschland/


Bildnachweis Titelbild: Heiko119 | istockphoto.com

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